Mehr Engagement der deutschsprachigen Volksgruppe von Nöten

Seminarreise nach Slowenien brachte es an den Tag

 

Beim Thema "deutschsprachiger Minderheitenschutz" bestehen im EU-Land Slowenien weiterhin erhebliche Ressentiments bei der Bevölkerung und vor allem den offiziellen Stellen in der Gesellschaft. Dabei dürfte der Zweite Weltkrieg und die danach erfolgte fast vollständig erfolgte Vertreibung der im ehemaligen Jugoslawien lebenden Deutschen eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Und dies erfuhr auch eine 36.-köpfige Gruppe aus allen Teilen der Bundesrepublik Deutschland, die kürzlich mit dem Deutsch-Europäischen-Bildungswerk Hessen e.V. (DEB) eine äußerst interessante Seminarreise nach Ljubljana/Laibach und Umgebung aus der Reihe "Begegnung und Verständigung im gemeinsamen europäischen Haus" unternahmen. Veranstaltungen dieser Art werden vom Bundesministerium des Inneren in Berlin gefördert und vom DEB seit vielen Jahren in die Länder der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete mit viel Erfolg durchgeführt. Nun wurde erstmals das südosteuropäische Land Slowenien aufgesucht, das übrigens seit 2004 der Europäischen Union als Mitglied angehört und seit 2007 den EURO als Währung hat. Der Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Hessen, Siegbert Ortmann (Lauterbach), der auch Initiator und Leiter dieses einwöchigen verständigungspolitischen Seminars war, hatte gerade dieses Reiseziel ausgesucht, um vor Ort die vorhandene Problematik der heutigen deutschsprachigen Gemeinschaft in Slowenien mit 3000 bis 5000 Angehörigen genauer zu erkunden.

Die Veranstaltung begann mit den Statements des Vertreters des Auswärtigen Amts von Slowenien, Miran Kresal, des Kulturattaches der deutschen Botschaft Peter Lange sowie der Geschäftsführerin der Deutsch Slowenischen IHK, Gertrut Rantzen. Dabei wurde einhellig klargestellt, dass die bilateralen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Slowenien momentan sehr gut sind. Und davon konnten sich die Seminarteilnehmer bei einer wenige Tage späteren Besichtigung des großen Adria-Hafen in Capodistria/Koper, auch als "slowenisches Fenster in die weite Welt" genannt, augenscheinlich überzeugen. Dort werden u.a. ständig große Mengen von aus Deutschland angelieferten Produkten bis zu ihrer weltweiten Verschiffung gelagert.

Bei den an den Folgetagen durchgeführten Rathausempfängen und Stadtbesichtigungen in Laibach, Cilli, Maribor, Bled und Piran wurden sehr häufig historische Relikte aus der Jahrhunderte langen deutschsprachigen Vergangenheit dieser Region deutlich, doch vermeintliche gegenwärtige Probleme mit einer deutschsprachigen Minderheit in Slowenien wurden zumindest von offizieller Seite daraus nicht abgeleitet. Im Gegenteil, von dem Bürgermeister in Celje/Cilli, Bojan Srot wurde bei einem im Übrigen sehr angenehmen und herzlichen Empfang im Rathaus auf Nachfrage eines Seminarteilnehmers kurzerhand darauf verwiesen, dass es eine deutschsprachige Minderheit zumindest in seiner Stadt gar nicht gebe. Ganz anders äußerten sich dann aber bei Begegnungen in den Kulturzentren in Maribor und Krapflern die dortigen Vertreter der deutschsprachigen Volksgruppe und der sog. Gottscheer Deutschen. Ihre deutschen Kulturvereine setzen sich seit vielen Jahren auf der Grundlage von Versöhnung und Verständigung gemeinsam für die Anerkennung der Deutschen als autochthone Volksgruppen in der slowenischen Verfassung ein und organisieren in den Vereinsräumen mit ihren Angehörigen ein überaus reges gesellschaftliches Leben, vor allem auch mit Kindern und Jugendlichen. Und durch zahlreiche Publikationen schaffen diese Vereine darüber hinaus auch ein größeres Bewusstsein über die außerordentlichen deutschen Errungenschaften auf dem Gebiet der Kultur in der Vergangenheit bei der slowenischen Mehrheitsbevölkerung und damit sogar eine gewisse Anerkennung der deutschsprachigen Bewohner bei der aktuellen Landesentwicklung. Die Vorsitzende des Kulturvereins der deutschsprachigen Frauen BRÜCKEN, Veronika Haring, (Maribor) führte dazu in einem sehr anschaulichen und recht emotionalen Vortrag über die heutige Lage der Deutschen Minderheit in Slowenien u.a. wörtlich aus: "Leider gibt es immer noch Menschen, die den deutschsprachigen Bewohnern hierzulande feindlich gesinnt sind, doch es werden mit jedem Tag weniger und es überwiegt die Meinung, dass es sich dabei um eine kulturell ungebildete und ideologisch verblendete Minderheit handelt. Meiner Überzeugung nach befinden wir uns mit unserer Tätigkeit auf dem richtigen Weg, der auch der kürzeste ist zu der rechtlichen Anerkennung der deutschsprachigen Minderheit seitens der Republik Slowenien".

In einem äußerst interessanten Koreferat mit Prof. Dr. Miran Komac, von der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Ljubljana, und Rechtsanwalt Mag. Rudolf Vouk als Vertreter der slowenischen Minderheit in Kärnten ging es vor allem um das Thema "Minderheiten als Brücke zur Verständigung zwischen den Völkern". Dabei wurde am Beispiel der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen von 1998 deren unterschiedliche Umsetzung in Österreich und Slowenien verständlich herausgearbeitet und mit den Seminarteilnehmern lebhaft diskutiert. Unterstützt wurde diese Veranstaltung, wie übrigens das gesamte Wochenprogramm von dem Politikwissenschaftler und freien Mitarbeiter von Socialna akademija, Mario Plesej, der dankenswerterweise zum Teil auch als Dolmetscher fungierte und im Übrigen in seiner Art der Kommunikation ein Gewinn für den ganzen Seminarverlauf war.

Die dunkle Geschichte und Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert wurde den deutschen Seminarteilnehmern beim Besuch des Museums der neueren Geschichte Sloweniens in Laibach und der Besichtigung der sehr versteckt gelegenen Partisanengedenkstätte "Baza 20" in den ausgedehnten Waldungen der hohen Berge oberhalb des Kurortes Toplice/Töplitz in der historischen Region der Gottscheer augenscheinlich näher gebracht. Und auch die Begegnung mit dem Verein der Vertriebenen Sloweniens 1941 - 1945 ließ noch heute vorhandene Wunden bei den Opfern der deutschen Besatzungsmacht aus jener Zeit erkennen und die Vorsitzende Prof. Ivica Znidarsic bat dafür um Verständnis bei ihren Zuhörern nach ihrem Referat "Organisiertheit der slowenischen Vertriebenen und Zwangsarbeiter und die Bestrebungen zur Geltendmachung der Rechte auf Kriegsentschädigung".

Beim Abschluss des Seminars anlässlich eines Empfangs im Rathaus von Piran/Pirano ging der dortige Bürgermeister Peter Bossmann, der sich schon wegen seiner schwarzen Hautfarbe als ehemaliger westafrikanischer Migrant outete, u.a. auf die Lage der italienischen Minderheit und das zivilgesellschaftliche Leben in seiner multikulturellen Stadt ein und verriet auf Nachfrage zur deutschsprachigen Minderheitenpolitik in Slowenien einen wohlgemeinten überaus treffenden Vorschlag, wonach sich nämlich die Vertreter dieser Volksgruppe doch engagierter (!) für ihr Anliegen einsetzen sollten.

Auf der Rückreise nach Deutschland dankte die Teilnehmerin Dr. Maria Werthan, auch Präsidentin des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen in Deutschland, in aller Namen dem Seminarleiter Siegbert Ortmann und den begleitenden BdV-Mitarbeitern Jolanta Lemm und Hubert Leja von der BdV-Landesgeschäftsstelle in Wiesbaden für die bestens organisierte und problemlos durchgeführte Bildungsreise in ein mehr oder weniger bekanntes EU-Land mit der vorgegebenen Minderheitenproblematik und allen Teilnehmern darüber hinaus für das angenehme und äußerst disziplinierte Miteinander während des gesamten Aufenthalts in Slowenien.

Text und Fotos: : Siegbert Ortmann, BdV-Hessen
November 2017